WIESBADEN BASED GALLERY | RARE OR UNIQUE

CONTEMPORARY + MODERN WORKS ON PAPER

Abbildung: Eleanor Macnair aus der Serie 'Signs' (2023) | Original Photograph by Charles Haacker (1945) - Photograph rendered in Play-Doh

Fotografie gezaubert aus Knete: die wunderbare Sicht der Eleanor Macnair

Es geschehen immer noch Zeichen und Wunder. Erstere stammen von Eleanor Macnair und letztere sind just ihre Geschöpfe. "Signs" heißt da die brandneue Ausstellung der wunderbaren Eleonor Macnair lapidar. Diese wurde 1977 in Nottingham geboren. Der Titel 'Signs' ist eine Huldigung an das große Vorbild Gillian Wearing, der Meisterin der Masken wie des Vexierbilds, deren ähnlich tönende Werkserie im Originaltitel ungleich länger ausläuft. 'Signs' ist dabei mehr als nur griffige Kurzformel. Signs stellt ein ganzes Konzept dar: Was Fotografie war, dann Knetbild ist, wird wieder zur Fotografie.
Eleanor Macnair ist damit - neben der ebenso großen Knete-Artistin Nathalie Djurberg - das weibliche Pendant im Trio und also Demiurgin in der Kunstwelt der zeitgenössischen Fotokunst. Frank-frech-fröhlich hat sie allerlei Ikonen der Fotohistorie - gewissermaßen nach der Fotografie - geknetet und gewalkt. Und mit dieser ihrer Fingerfertigkeit in der Transformation deren Werke wie deren Stellung neu gedeutet und gewichtet. So entstand über die Jahre eine Art Who is Who der Fotografie. Das Konzept ist genial wie simpel: Nach dem Original [Fotografie] wird nun zuerst mal ein Knetbild gemacht. Nach dessen Fertigstellung und Vollendung wird das Knetwerk, das auf eine berühmte Ikone der Fotografie rekurriert, noch an der Wand ins Porträtlicht gesetzt und schließlich fotografiert. Das Original aus Knete wird am Ende zerstört und als Masse nach Farben sortiert recycelt. Die doppelte Umwandlung bewirkt so eine Reflexion von Form und Inhalt zudem. Das finale Werk gleicht nicht selten einer Offenbarung.
Eleanor Macnair knetet und kreiert - seitdem ihr eines späten Abends im Jahr 2013 in London bei ihrem Workout nach Feierabend diese verrückte Idee zum Relaxen überkam. Ihren Job in der National Portrait Gallery hatte sie just beendet. Tagsüber nun im Job im Science Museum noch die Ikone vor Augen, abends das Werk flugs auf dem Küchenbrett geknetet. Und sie tut das alsbald ganz furios. Ihre Figuren fühlen beinah mit ihr mit: Enttäuschung findet sublim ins Antlitz, Melancholie subtil in die Pupillen, Traurigkeit superb in den Blick. Noch den Anflug zartester Verbitterung zaubert sie um den Mund. Oder einen Hauch jäh aufkommender Frustration in die Wangen ihrer Knetfiguren hinein. Das Ergebnis übertrifft mitunter das ohnehin schon oft gloriose Vorbild, das als Porträt die Vorlage bildet. Das meist kunterbunt gehaltene Knetporträt aus Kinderknete lässt den Betrachter verblüfft zurück: Wie wunderbar! Ist das schon Magie oder noch Play-Doh?
Derweil sind so viele Ikonen aus dem Olymp der Fotografie vertreten. Darunter auch Künstler der Galerie. Die ganze Liste an Knetwerk von 2013 bis 2023 ist dabei längst sechs veritable One Woman Shows lang. Nebenbei quasi lernt der Bewunderer im Spiel Fotogeschichte. Nicht ganz ohne Stolz verweisen wir darauf, dass die Künstlerin in der Ausstellung 'Home Sweet Home' bald mit drei Werken zwischen einer runden Hundertschaft berühmter Originale der Moderne, jene verbürgt ganz echt-seriös in Ölfarbe oder in Ölkreide, von Beckmann, Bonnard, Degas, Chagall, Kirchner, Kollwitz, Macke, Modersohn-Becker, Munch, Münter, Pechstein, Picasso bis Schmidt-Rotluff und weiteren in Ingelheim hängt. Auch die andere Knetvirtuosin, Nathalie Djurberg, ist dort mit dabei.
Vom Dichter, Poeten, Maler, Zeichner Wilhelm Busch [1832-1908] stammt das Bonmot als Reim: "Wie wohl ist dem, der dann und wann, sich etwas Schönes dichten kann." Er konnte bissig sein. Bilder mit Humor und Reimen waren sein Elixier. Mit Replik auf ihn lässt sich über die so wunderbare Eleanor Macnair sagen: Auch sie ist mit ganzer Seele Dichterin. Nur, dass sie sich in Knete ausdrückt. Ihre Werke sind Poesie mit einer extra Portion Prosa darin. In ‚Signs‘ trägt der Bürger die Botschaft direkt als Programm der Ästhetik bei. Der steht damit in bester politischer Tradition der Angelsachsen für seine Sache ein. Das ist nicht untypisch für den Empirismus der Briten im Diskurs der Kunst. Und gut so.
Eine Frau hält im Frust ihr Schild hoch. Darauf steht: "I am Really Cross.“ Martin Parr fing das Bild ein, als die geladene Stimmung im Volk vor dem Brexit 2019 in Bristol kippt. Eleanor Macnair griff das Foto als Idee für ihr Werk sofort auf. 2023 knetet sie los: Mit Hackbrett, Weinflasche, Werkmesser. Alltag, Ästhetik, Politik bilden ein Scharnier im Werk von Eleanor Macnair. Alles Krude taugt zum Credo: gegen Armut, Apartheid, Brexit, Eliten, Gewalt, Justiz, Krieg, Manipulation, Nationalismus, Populismus, Rassismus, Sexismus, Staat, Willkür. Auf dem Banner findet noch jede Form der Unfreiheit, Ungerechtigkeit, Ungleichheit oder Unterwerfung zur Polis. Das Rohe und das Zarte, Diktatoren und Kunst, stehen in der Ära Erdogan, Orban, Putin, Trump, Wilders folglich frontal im Argwohn gegenüber. ‚Signs‘ ist da im Wortsinn Aufstand und Demonstration der Unbotmäßigen im Kulturkampf für die Demokratie. Darf Kunst so plakativ sein? "Darf?" Sie muss. Stand up!

Wer nun allerdings glaubt, Eleanor Macnair sendet in ihrer aktuellen Werkserie 'Signs' nur schlicht simple Botschaften mit politischen Statements aus, der sieht sich abermals auf dem Irrweg. Denn die leicht lesbaren Botschaften, so plakativ sie auch, in Versalien zumal, auf dem Banner prangen, sind oft voller Ambivalenz, Humor, Ironie oder Komik. Das tritt in den Werken von Keith Arnatt, William Carnago, André Tót, Diane Wakoski und Gillian Wearing deutlich zutage. Deren Botschaften wie "I 'M A Real Artist" (Arnatt) und "This Area Will Gentrify Soon" (Camargo) und "Nowhere" (Tót) und "No More Art" (Wakoski) und "I 'M Desperate" (Wearing) sind doppeldeutig und nicht wörtlich zu nehmen. Im Gegenteil: Diese stehen gern diametral zur Bildaussage. Photographs rendered in Play-Doh der Eleanor Macnair - das sind nicht selten ernste Comics mit viel Bildwitz und Sprachwitz - wie etwa die eines Robert Crumb. Hier nur eben solche in Wort und Knete.

Ein Mädchen hält eine Schrifttafel vor sich. Wir lesen darauf ihren Namen: Sinaida Grussman. Sie schaut mit der Energie der Hoffnung in die Kamera. Hoffnung und Traurigkeit fallen dicht zusammen. Hier zeigen sie sich sogar in einem Bild: Als der Fotograf Charles Haacker zum Kriegsende 1945 sein Suchbild schoss, war der Holocaust gerade mal eben vorbei. Millionen Juden waren von den Nazis im Konzentrationslager Dachau ermordet worden. Sinaida hatte wie durch ein Wunder überlebt. Sie gehörte zu jenen 614 Kindern, die wochenlang nach der Kapitulation als Vertriebene nahe dem KZ Dachau umher irrten. Sie hatten ohne ihre Eltern Chaos, Grauen, Wirren des Kriegsendes allein überstanden. Diese „verlorenen Kinder“, deren Schicksal sich die Pädagogin Greta Fischer im Kloster Indersdorf beherzt annahm, sie hatte zuvor bei Anna Freud in Wien Psychoanalyse studiert, waren zutiefst traumatisiert. Nicht wenige bis in das Mark ihrer Seele verstört. Eleanor Macnair hat der damals kleinen Sinaida und damit der ganzen Kinderschar sowie der großen Greta Fischer ein Denkmal geknetet - ein Memorial der Unbändigkeit des ungestümen Lebens gerade zur rechten Zeit.

Die Ausstellung 'Signs' besteht aus zwölf Arbeiten. Sie ist bei Kleinschmidt Fine Photographs in Wiesbaden ab 9. Februar zu sehen. Zu der Schau von Eleanor Macnair erscheint ein umfangreicher Werkkatalog mit dem Titel 'Whilst the World Sleeps' und einem Essay für 35,00 €. Dieser kann über die Galerie bestellt und dort direkt ab Mitte März 2024 bezogen werden. Ein Muss für alle, die ein Werk von Eleanor Macnair erwerben wollen - oder bereits erworben haben. Bestellung per E-Mail [mail@klauskleinschmidt.de] möglich und gegen Vorkasse.

 

Copyrights: Eleanor Macnair [Bild] - Klaus Kleinschmidt [Text]

[Abruck für Bild und Text nur mit Zustimmung und Nennung der Autoren]

Max Baur | Siamkatze, Wernigerode 1927 | Vintage Silber Gelatine Print 28,5 x 23,3 cm

Tiere schauen Dich an! Aber warum tun sie das? Ein Versuch in Werken

Tiere schauen uns an. Warum tun Sie das? Sie schauen uns an, damit wir Menschen sie sehen. Tiere wollen, indem sie uns anschauen, dass wir ihren Blick erwidern. Sie bieten uns ihre Gesellschaft an. Ohne diesen wortlosen Dialog mit dem Tier ist der Mensch nur einsam in der Welt. Jedes Tier birgt ein Geheimnis, das es niemals offenbart. Tiere sind darum Boten der Ahnen und Götter in vielen Kulturen. Damit üben sie eine magische Funktion für uns aus. John Berger fragte sich einst in seinem berühmten Essay: Warum sehen wir Tiere an? Seine kurze Antwort lautet so: Indem wir Tiere ansehen, erkennen wir uns selbst im Fremden wieder. Tiere verbinden von jeher die Menschen mit ihrer Herkunft, ihrem Ursprung. Wie ein letzter wortloser Zeuge aus ferner Vorzeit, aus einer Welt, die nur dem ‚Zeigen', nicht aber dem ‚Sagen' traut.

Ein Tier zeigt uns stets an, wenn es in unsere Obhut will. Ist es hungrig, kratflos gar, in Not versehrt oder sogar verletzt? So sucht es den Blick, den Kontakt zu uns, die Wärme. Tiere haben Gründe, warum sie in die Nähe des Menschen wollen. Dem Wetter und Wind, der Kälte und Sonne Tag und Nacht ausgesetzt, haben sie viel Hunger. Meist auch sind sie auf der Flucht. Immer suchen sie Futter, Raum, Ruhe, Schutz und Wärme. Natürlich verfügen sie über einen guten Instinkt, wer ihnen dabei helfen kann. Menschen haben dies alles in der Regel. Tiere der Wildnis fordern von uns Geduld. Sie sind schlau, scheu und stark. Und sie lieben den Menschen, der Sanftmut zeigt, weil eben dieser so ihre Wildheit achtet und erkennt.

Die Geschichte des Dialogs zwischen Mensch und Tier ist unheilvoll für letztere. Die Historie zeigt: Der Mensch sieht im Tier zumeist nur öde sein „Recht", sich das Tier untertan zu machen. Von „Hegen" oder „Hüten" der Tiere, wovon das Bibelwort spricht, war bald keine Rede mehr. Gottes Wort wurde zuoft missachtet: Es regnete ohne Unterlaß; und die Sintflut kam. Allein die Arche Noah verhieß Hoffnung für Mensch und alle Tierarten. Endet die Geschichte des Dialogs zwischen Mensch und Kreatur vor allem als Geschichte der Gewalt?

Meist geprägt von derlei Unterjochung, Überwältigung und Unterwerfung missachten wir ohne Not jene Geschöpfe: Wir schänden, schinden und schächten Tiere. Wir töten und wir essen sie. Wir brauchen sie als Lastträger, Nahrung, wegen ihrer Häute. Wir quälen sie dubioser Erkenntnis wegen - wie etwa Mäuse und Ratten im Labor. Küken werden grausam geschreddert - millionenfach. Und immer müssen sie für eine Instrumentalisierung herhalten. Sogar in bettreifer Zierde als Kuscheltier vegetiert der Teddybär. Noch im Comic ist das so. Walt Disney lässt im Kitsch grüßen. Auf Augenhöhe geht da nicht.

Doch diese Donald Duck Story kommt an ihr Ende. Denn in naher Zukunft gibt es alsbald keine Wildtiere mehr. Der rohe Mensch hat längst seinen Ursprung vergessen. Einst lebte er friedlich mit den Tieren in der Welt. Das ist mit Sündenfall und Vertreibung aus dem Paradies perdu. Adam und Eva fahren heuer SUV mit Breitreifen und halten blind drauf. Alles Getier, was ihnen unter die Räder kommt, ist Matsch. Tote Tiere pflastern den Weg. So weit nach Arkadien.. Dabei gab schon der weltweit erste Liebesroman und Hirtenroman des Griechen Longos zum Ende des 2. Jahrhunderts mit Daphne und Cloé gleichsam den Paradefall der Bukolik ab in der Spätantike - bis heute unerreicht: und Beispiel, was Tierliebe adelt.

Heute werden Tiere in bislang nie gekannter Achtlosigkeit und Gleichgültigkeit vergrämt. Von Eltern etwa, denen ihr Handy wichtiger ist als ihr Kind - oder eben das Tier. Mit dem iPhone vor dem Kopf sieht man nichts. Ein Medium allein nimmt nicht wahr. Darum öfter gequält und gestalkt von um Aufmerksamkeit buhlenden, weil nicht beachteten Plagen. Noch eifrig verjagt von Beamten, Bürokraten, Gärtnern und Sheriffs, selbige pflichtgemäß ungerührt, die ihren Dienst zwar für das Gemeinwohl, nicht aber für das Tierwohl tun. Oder von Tierhassern verfolgt, zudem häufig mit Rachsucht, mitunter von allerlei Spießern, nicht selten gar gehetzt von deren Hunden, die von der sonst 50 Meter langen Leine sind, wie ihre gern arglos tuenden Frauchen und Herrchen: Der spielt nur!

Die Tiere sprechen nicht zu uns. Zumindest verstehen wir sie in der Regel nicht. Sie klagen nicht. Sie bleiben zu alledem stumm. Das haben Werke wie Tiere gemein: Sie reden nicht, sie zeigen nur still. Aber sie zeigen sich uns Menschen, wie wir sie ansehen und erkennen sollen: frei! Warum achten wir sie nicht? In einem Frühwerk aus dem Jahr 2000 fragt sich Jan Wenzel im Bildtitel: How to catch a Bird? Die Antwort ist damals filmisch-stotternd-stumme Prosa aus dem Passbild-Automaten. Sie lautet schlicht: gar nicht! Zumindest nicht, solang und soweit der Vogel noch lebt. Erst, wenn seine Zeit um und vorbei, er also nicht [mehr] ist, lässt er sich fangen: So gefangen allein im Käfig der Ewigkeit. Als das Millenium sich selber als Kunst im Großformat feiert, startet Wenzel mit dem Zyklus, der an Winzigkeit im Format nicht zu unterbieten ist. Titel: Tote Tiere. Kurz gesagt, geht es darin darum, wie das zur Schönheit gewordene Ornament im Tod des Tieres sich erst zeigt. Unter der Oberfläche scheinbarer Kälte in der Betrachtung verbirgt sich jene wundersam schöne Paradoxie der Freiheit, die der Wildheit radikal bedarf, die alle Tierwürde bedingt.

Die Würde der Tiere ist offenbar trotz Artikel 20a GG jederzeit und ubiquitär antastbar. Am Umgang mit den Tieren wird unsere Epoche sich einst messen müssen. Und ja: es gibt Nutztiere, die haben viel zu tun. Dann gibt es Haustiere, die haben es - zumeist - gut. Der Jurist nennt sie nicht ohne Grund 'Luxustiere'. Und da gibt es noch die Wildtiere, die wie Waschbär, Wildgans und Wolf zum Abschuss frei gegeben sind: Jagdwild ohne Lobby! Jäger indes stellen darob - sie schwimmen gern und sooft mit dem Strom - nicht immer eine üble Lobby für sich. Dem Jäger I (2000) im Bild oben warf man gar vor, er habe Wildvögel leiden lassen, was für ein zartes Gemüt zu viel war. Das war üble Nachrede. Er beging Suizid.

Achtung und Respekt vor der Natur fehlen indes überall auf der Welt. Die Umwelt geht so vor die Hunde. Die wahre Plage auf dem Planeten Erde sind wir aber wohl selber. Die 'Krone' der Schöpfung gibt sich derweil ätzend und armselig. Allein der Mensch kennt Krieg und Lüge. Er sagt zum Vorteil nur, was nicht ist. Überall herrscht also, ganz medioker, große Ungerührtheit. Dieser Anschein von gehabter und gestellter Coolness ist ein bloß genuin übler Reflex steten Lügens - Gestus der Gestrigen aus der Generation Immersatt. Auch Digitaliserung fördert sie. Die Kunst geht allein in Zeiten des Wohlstands diesen bequemen Irrweg. Woher rührt und vor allem wohin führt er uns? Warum diese Brutalität in der Tierhaltung? Wieso diese Bestialität überall bei der blinden Zerstörung von Lebensraum. Und wer führt hier Krieg gegen wen?

Dass der 'Krone der Schöpfung' keine Krone gebührt, das wissen wir längst aus dem Staatsroman Gullivers Reisen von Jonathan Swift. Im vierten Teil seines Reiseberichts, der betitelt ist mit 'Reise nach dem Lande der Houyhnhnms' trifft Lemuel Gulliver, als Schiffsarzt zu fernen Völkern unterwegs, auf seltsame Pferdewesen, die ihn in jeder Sekunde seines Daseins lehren, wie überlegen ihre Rasse gegenüber dem Menschen ist: Sie sind anmutig, gelehrig, rational und dabei voller Sanftheit, Scharfsinn und Schönheit - letztere nur von ihrem Gerechtigkeitssinn und ihrer sagenhaften Pferdestärke überboten. Es ist Swifts Verdienst im Jahr 1726 - mitten hinein in das hehre Zeitalter der Aufklärung - den Bürger im Ausgang aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit just dahin, in den Staub selbiger, zu stoßen. Als nämlich Gulliver, alsdann Kapitän, auf der Insel auf jene Yahoos, stinkig-stumpf-stupide Affenwesen im Rudel trifft, da räsoniert er kraft einer nicht zu leugnenden Ähnlichkeit, dem das Grausen jäh zur Selbsterkenntnis hilft, ja reift, diese also seien Wesen wie er.

Gullivers Abscheu vor der eigenen Gattung taugt fortan zum Paradigma, darin seiner Zeit weit, weit voraus - der indes mit einigen Zeitaltern Nachlauf. Auch die Ausstellung zeigt uns Hybris und letzte Idyllen, die wir fraglos mit im Auge haben, neben dem Scheitern im Dialog zwischen Mensch und Tier, der letzthin besonders fraglich bleibt. So gesehen ist das 'Getriebschwein' der Yvonne Diefenbach, das im Mittelleib künstlich, kunstvoll getrieben scheint, als Beispiel gar nicht unzeitgemäß. Dabei wirkt die technoide Prophetie auf das Wohl des Tieres ganz ungut. Die Sichtweisen sind im Übrigen prominent divers ins Werk gesetzt und reichen - freilich in Auswahl nur Weniger - von dem Inbild aller Fotoreporter Paul Almasy über die bizarren Kammerspiele mit Tieren des Roger Ballen bis hin zu jener Siamkatze von Max Baur. Sie etwa ist eine Sphinx, die den Betrachter seltsam in den Bann zieht, ihr Rätsel so im Blick birgt. Sie zeigt, offenbart sogar teils, sich stumm.

In der Ausstellung sehen wir eine Typologie von zweierlei Blicken am Werk: Da gibt es einerseits die historische Entität eines ganz konkret sich ereigneten und gewesenen Blickes. Andererseits gibt es den konstruierten Blick als Topos in der Darstellung der Kunst. Auch die Art, wie Tiere uns anschauen und wahrnehmen, ist extrem verschieden: Das dezidierte Hinschauen kommt bei Säugetieren eher als bei Insekten vor. Letztere verfügen nämlich, wie übrigens auch Pferde oder Wildvögel, über den Hemisphärenblick mit jeder Pupille. Der erlaubt ihnen den Rundumblick, ohne ihren Kopf bewegen zu müssen. Das führt dazu, dass viele Tiere, von denen wir glauben, dass sie uns gar nicht anschauen, uns sehr präzis wahrnehmen.

Andacht, Demut, Mitleid oder das Sehen selber als Prozess - das sind die Quellen der Kunst, die niemals versiegen. Zum Teufel also mit der Ungerührtheit. Sie ist hohl. Geboten sind Achtung und Respekt vor der Schöpfung. Wir leihen und teilen die Welt von und mit den Tieren. Die Zoos der Welt sind die wohl traurigste Sammlung ungeteilter, gebrochener Blicke. Das Zootier zieht sich in sich zurück. Es blickt uns nicht an. Es schaut total apathisch, gleichgültig, teilnahmslos ins Leere - wie durch uns hindurch. Denn es lebt dort sozial prekär am Minimum. Solang aber ein Wildtier uns ansieht, gilt der Gesellschaftsvertrag. Der ist das Geheimnis von Mensch und Tier. In der Genesis haben Tiere, 1. Mose 20-25, sogar ältere Rechte und ausdrücklich Gottes ersten Segen. Mit diesem Zuspruch des ersten Segens finden die Tiere nicht nur fernab Gottes Gnade, sondern vielmehr explizit dessen oberste Billigung. Gott adelt den Urzustand, den jede Kreatur verkörpert.

Erst diese Segnung aller Tiere, "ein jedes nach seiner Art", sichert das Programm der Schöpfung ab, indem jene wie ein Gesetz fortwirkt. Sie ist damit der erste göttliche, rituelle 'Rechtsakt'. Fische, Insekten, Vögel, Säugetiere: Sie kommen vor Adam und Eva auf die Welt - am 5. Tag der Schöpfung als Fische im Wasser und Vögel im Himmel und am 6. Tag als Tiere der Erde. Allen Tieren gemein ist: Sie haben zwei Augen. Diese schauen Dich an. Tiere beobachten genau. Sie registrieren ihre Umwelt überaus scharf. Aufmerksam wie ein Seismograph. Manchmal warnen sie uns auch nur mit ihrer Flucht. Denn sie sind behutsam, empfindsam, so vorsichtig wie verletzlich. Mitunter geben sie uns ein Zeichen, das wir deuten können. Ohne die Tiere in Freiheit - als Wildtiere der Welt - ist der Mensch bald am Ende der Geschichte: und allein.

Text: Klaus Kleinschmidt

Ausstellung: Eleanor Macnair - Signs [Photographs rendered in Play-Doh] Mi, Do, Fr 14-18 Uhr. Dauer der Schau: 09.02. bis 22.03.24. Anmeldung zur Öffnungszeit nicht erforderlich!

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