Paul Almasy - Die Dinge des Lebens [aus der FAZ vom 19. Januar 2020]

"Man weiß nicht, ob der Mann, der da mit verschränkten Armen wie ein Bodyguard seiner eigenen Existenz vor der Bar 'Da Antonio' steht, Antonio selbst ist; man weiß nicht, ob der Mann mit dem Hut versonnen in die Ferne schaut oder jemanden beobachtet und ob die Frau hinter dem Tresen weint oder nachdenkt oder sich bloß gerade ein bißchen an der Nase kratzen muss; und man weiß nicht, was der Herr mit der Krawatte, der etwas entnervt in die Kamera schaut, an diesem Tag in Italien der fünfziger Jahre noch alles vorhatte. Vittorio Magnago Lampugnani, der das Bild für sein Buch 'Bedeutsame Belanglosigkeiten. Kleine Dinge im Stadtraum' [Wagenbach Verlag] ausgesucht hat, ging es auch nicht darum - sondern um das Telefonschild in der oberen rechten Ecke: In Italien gab es Telefonzellen erst seit 1952; vorher ging man auf die Post zum Telefonieren - oder eben in die Bar. Die Ialiener waren mit die Letzten, die die Telefonzelle einführten (und die Ersten, die sie und die wattige Privatsphäre, die sie bot, zugunsten der öffentlichen Dauertelefoniererei mit dem Telefonino wieder abschafften), während schon 1878 in Connecticut die erste Telefonzelle aufgestellt worden war und drei jahre später, also 1881, eine in Berlin.

Man kann das Buch als Bestandsaufnahme all' der Dinge lesen, die eventuell bald verschwinden, obwohl sie jahr-hundertelang die sozialen Rituale in den Städten prägten. Man kann all' diese Bilder einer Stadt aber auch ganz anders lesen - als Geschichte der Athmosphären, die an den Dingen hängen, aber auch daran, wie die Leute zwischen ihnen herumstehen. Vor 'Da Antonio' sitzen vier Männer auf Stühlen - und wie sie das tun, was sie tragen, wie sie schauen, erzählt mehr über Italien 1959 als viele Romane." [Anmerkung der Galerie: Das Werk 'Die Bar Da Antonio' von 1959 verdanken wir Paul Almasy, der die Situation vor mehr als 60 Jahren als Fotografie aufnahm und wahrnahm. Das Narrativ dazu gebührt jenen, die genau hinschauen und erkennen. In diesem Fall sind das Niklas Maak und Vittorio Magnago Lampugnani.]

Niklas Maak, FAZ