Rediscovery Jan Wenzel - Allegorien im Zeichen der Sterne

Über dreißig Jahre ist es inzwischen her, dass - bei einer Schaffenszeit von nur knapp 20 Jahren - ein Gesamtwerk entstand, das bis heute in der Geschichte der Fotografie und der Fotokunst weltweit eine Ausnahme blieb. Die Rede ist von Jan Wenzel, Jahrgang 1972, dessen Werk nicht nur in der Machart (techne), sondern in jeder Hinsicht einzigartig ist. Das Wort 'einzigartig' ist im Wortsinn gebraucht. Zumal es sich bei seinem Gesamtwerk ohnehin stets um Unikate handelt, die konspirativ im Photomaton zur Welt kamen, um mit dem Künstler auf der Spurensuche nach der verlorenen Zeit den Zeitsinn selbst im synchronen Bildraum zu vereiteln. Wie macht er das? Wenzel wandelt die Zeit als diachrone Abfolge der im Prozess der Produktion (Poiesis) jeweils 7 Sekunden benötigenden 4 Passbilder eines Streifens (4 Blitze mit Belichtung = 28 Sekunden) durch Montage mehrerer Streifen parallel in einen für das Einzelbild der Aufnahme zwar tatsächlich physisch sich ereigneten, in den Grenzen des Werkes aber eben nur zum Anschein synchronen Bildraums um. Damit bildet er rezeptiv die Zeit der Narration (Aisthesis) als Erzählzeit in Form der Anzahl der Streifen in den je 4 Akten des Einzelbilds ab und hebt selbige zudem bildhaft als Fiktion gleichermaßen wieder kommunikativ (Katharsis) auf. Konstruktion und Dekonstruktion der Zeit befinden sich in der Waage. Seine Werke sollten so als kristalline Monaden - als Zeitkapseln - wegen ihrer inhärent taktsicher getanzten Raserei bei aller kaum glaubhaft präzise stoischen Schönheit überdauern. Dreißig Jahre Abstand haben jetzt den Markt sondiert. Soweit bildet und bietet diese aktuell wie schon weiland um so mehr luzide Wenzel-Schau seltene Einblicke in den Abgrund einer ebenso persönlichen wie politischen Zeitenwende - und in das rare Schaffen eines absoluten Ausnahme-Talents, das in der Fotokunst fraglos ohne jeden Vergleich dasteht. Auch das Wort 'absolut' ist da im Wortsinn gemeint zutreffend. Sein Werk ist in sich geradezu hermetisch geschlossen. Das bildet und wölbt den eigenen Horizont als Urkosmos genuin ab und aus. Der Raum, den Wenzel als Bildraum definiert, gibt es so nicht. Und dies obwohl selbiger im Einzelakt der Belichtung des Streifens noch physisch real stattfindet. Wenzel bildet also die sichtbare Anwendung der speziellen Relativitätstheorie in der Kunst ab: Zwei Ereignisse treffen sich im unendlichen Raum des Werkes, aber eben nur dort, weil und soweit sie fiktiv [relativ] sind . Der Bildraum im Wenzel-Kosmos seiner stets im engsten Kabinenraum des Photomaton generierten Werke ist 'unmöglich' und nur außerhalb der Zeit darstellbar. Damit steht Jan Wenzel dem radikalen und surrealen Zeitbegriff zweier Solipsisten - Salvatore Dalis und Francis Bacons - nahe. Ikonographisch lassen sich allenfalls Parallelen - etwa zu der Malerei eines Neo Rauch oder Matthias Weischer - ziehen. Die damals in einer frühen Werkschau im Jahr 1998 für einmal kurz vereinten Werke - dort die 12 Sternzeichen als Allegorien - sind auf dem Sekundärmarkt längst heiß begehrt. Nun ist das Dutzend, fast, vollständig zur Wiederentdeckung versammelt. Zwei Frühwerke aus den Jahren 1992 und 1993 runden das meisterliche Kabinett ab. Die 13 Kleinformate sind sich als "politische Monaden" selbst genug. In sich bezogen stellen sie Solitäre dar. Daß es Meisterwerke sind, versteht sich dabei fast von selbst. Man kommt also nicht umhin: Man muss das Werk schlichtweg bewundern. [Termine zum Besuch der Kabinett-Ausstellung bitte jederzeit gern nach Vereinbarung.]

Copyright Text: Klaus Kleinschmidt