Eine Spätlese: Abschied vom Kolonialtraum - das Frühwerk von Paul Almasy

Paul Almasy war noch keine zwanzig Jahre alt, als er 1926 eine Militäreinheit im Norden Marokkos begleitete und gemeinsam mit den Soldaten in einen Hinterhalt geriet. Der Student, der in den Semesterferien seine erste Reportage schrieb, gehörte zu jenen, die sich retten konnten. Aber der Rifkrieg hatte bis dahin schon viele Menschenleben gekostet. Allein im Sommer des Jahres 1921 starben 13 000 spanische Soldaten im Kampf gegen dreitausend Berber, die vom kabylischen Freiheitskämpfer Abd El Krim angeführt wurden. Europa erlebte das militärische Debakel als Menetekel: Der Freiheitskampf der Kolonien, das wußte man nun, hatte gerade erst begonnen, und er würde noch viele Jahrzehnte dauern.

Paul Almasy hat die lebensgefährliche Episode im Rifkrieg aus der vorherbestimmten Bahn geworfen. Und sie hat ihn auf einen Weg gebracht, dem er weit über ein halbes Jahrhundert lang treu bleiben sollte. Der Sproß einer ungarischen Adelsfamilie, der Diplomat hatte werden wollen, wurde nun Reporter und Fotograf, und als er im September 2003 im Alter von 97 Jahren starb, hatte er nicht nur alle Kontinente bereist, sondern konnte von sich sagen, er habe fast jedes Land der Welt kennengelernt. Die 120.000 Fotografien, die sein Archiv umfaßt, legen davon (...) Zeugnis ab.

Bislang kannten wir vor allem Almasys seit den fünfziger Jahren entstandenes Hauptwerk, dessen Publikation seinem Schöpfer späten Ruhm beschert hat: Die Reisebilder aus Europa wurden in den letzten Jahren in mehr als vierzig Einzelausstellungen gezeigt. Jetzt macht, pünktlich zum hundertsten Geburtstag des Fotografen in diesem Mai, ein neuer Bildband mit dem Frühwerk bekannt. Diese Bilder aus den zwanziger, dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden im Kleinbildformat mit der nur 480 Gramm leichten Leica aufgenommen, der damals idealen Kamera für Reportagefotografie. Nach Kriegsende wechselte Almasy zum Mittelformat, dem er bis zuletzt die Treue hielt. Die frühen Bilder wirken urwüchsiger als das durchkomponierte Hauptwerk. Das Spiel der Linien und geometrischen Formen, dem er später vor allem in Großstädten gerne frönen sollte, ist hier oft nur angedeutet, so etwa in einer 1938 auf Madagaskar entstandenen Aufnahme einer Gruppe von Marktfrauen mit Sonnen-schirmen.

Axel Schmidts Vorwort weist nachdrücklich darauf hin, daß Almasy bei allen Veränderungen, die sein Werk durchlaufen haben, immer von der ersten Erfahrung im marokkanischen Rifgebirge geprägt blieb: "Europa und seine Kolonien, Europa und seine Ex-Kolonien", das war das wichtigste Thema dieses ungewöhnlichen Fotografenlebens. Almasy hat das böse Erwachen Europas aus seinen Kolonialträumen in atemberaubenden Bildern festgehalten, und in diesem Zu-sammenhang ist auch sein Auge für soziale Unterschiede zu verstehen. Gleichviel, ob diese Unterschiede sich subtil oder offen, brutal oder verdeckt, lächerlich oder herzzerreißend äußerten, Almasy faßte sie in Bilder, die oft von schlagender Symbolik sind. Nun wünscht man sich noch eine Ausgabe, die eine Auswahl von seinen wichtigsten Reportagetexten präsentiert. Unsere Abbildungen entstanden in den 30er Jahren in Afrika.

Hubert Spiegel, FAZ

Paul Almasy: Das Frühwerk. Mit Essays von Klaus Kleinschmidt und Axel Schmidt. Edition Braus, Heidelberg 2005. 144 Seiten + 100 Fotografien | geb. Monographie 35,00 EUR

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