Erschaffung und Zerstörung | Edification and Destruction - Stolz | Schmölz | Macnair [Group Show]

Claus Stolz ist ein Zerstörer. Er bringt Bilder in der Serie 'Sonne' mit einem leisen Zischen zum Platzen. Jede Belichtung bei ihm killt ein Negativ oder ein Positiv. Der Fokus der Brennweite muss stimmen. Dann brennt es in der Kamera. Rauch steigt auf. Eine Brandspur zieht durch das Negativ oder Positiv. Ihr Verlauf hängt rein von der Belichtungszeit ab. Und vom Winkel der Sonne. Also: morgens steil im Anstieg, abends steil im Abstieg. Mittags brennt die Belichtung einen Strich als Horizontale ein. Die Farben variieren auf einer Palette - je nach Hersteller - von Blau, Braun, Gelb, Grün, Rot bis Zartsilbergrau. Agfa brennt also anders als Kodak oder Fuij. Schöner kann Zerstörung kaum sein.

Karl Hugo Schmölz hat, noch in den Wirren des Nachkriegs, in der jungen Bundesrepublik, beides parallel fotografiert: Erschaffung und Zerstörung. Die Zerstörung rundum in Köln 1943, eine ganze Stadt in Schutt und Asche, aber auch den Aufbau dort überall. Seine Ruinen wirken fast so erhaben wie Veduten. Als ahnte er darin bald den Uranfang. Mitten drin zwischen stillen Bombentrichtern und lauter Zerstörung umrahmt von einem antiken Bogen entfaltet sich der Blick: auf den von Amerikas Bombern 1945 geschonten Dom zu Köln. Oder auf die Rodenkirchener Brücke im Jahr 1946, die sich später kühner noch als weiland die frühere Moderne, diesmal wagemutig an dicken Stahlseilen, über den Rhein traut.

Ganz anders: Eleanor Macnair. Sie hat ein Kind nach dem Vorbild des durch dies bekannt gewordenen Reporters Thomas Dworzak geknetet. Jenes verkauft inmitten der Ruinen von Grozny - man glaubt es kaum - dort fröhlich bunte Luftballons. Allein seine fest zugekniffenen Augen sagen uns etwas anderes. Es will von alledem Krieg ringsum nichts mehr sehen. Ihre Werkserie Eyes Wide Shut zeigt das Programm ihrer Fotokunst: rendered in Play-Doh. Das Kunstwerk verdankt sich, wie bei Claus Stolz, einer radikalen Umwandlung.

Der Unterschied beider könnte größer kaum sein. Bei ihr, der Rebellin, erst Nachahmung in bunter Spielzeugknete. Und nach Herstellung des Knetbildes: schließlich Zerstörung desselben und Rücksortierung der Knetmassen nach Farben. Bei ihm, dem Ästheten, liegt in der Zerstörung kraft Belichtung [Verbrennung] schon der Keim allen Anfangs als Neuem: Entstehung.

In der Ausstellung fragt sich nun der Besucher: Wie hängt das eine mit dem anderen zusammen? Wie wirkt der Abstand aus der Totalen und wie die Perspektive auf den Betrachter. Kann Zerstörung denn schön sein? Und läßt Entstehung von alledem Großen uns Augentiere erhaben schauern, mithin staunen, wundern? Und wenn die Fragen auch weiter wirken, so ist doch der Vorhang schon etwas gelüftet. Denn der Zusammenhang zwischen Erschaffung, also Entstehung von Etwas, und Zerstörung, also Niedergang von Etwas, leuchtet jedem ein. Derweil versinkt die Welt im Krieg; düster nur glimmt die Fackel der Aufklärung; Diktatoren und Tyrannen haben Konjunktur. Und zwei Handvoll von ihnen zur Zeit das Sagen.

Der Kampf um die Bilder geht weiter. Da wirkt ein Bild wie ein Durchschuss in eine fremde Welt. Zu tun gibt es genug. Ein Werk sucht im Agitprop die Polis. Ein anderes im Bildersturm Besinnung.

Auf denn.

Copyright Text: Klaus Kleinschmidt // Courtesy Bild: Kleinschmidt Fine Photographs and the artist.