Die entfesselte Kamera - Tanz der Eier um ein Siebrund von DASTRA

Aus gegebenem Anlass zeigen wir die im Frühjahr 2024 nach nur einem Tag Laufzeit abgesagte Ausstellung nun öffentlich als Restart. Der Grund: Es gab Ärger - und der war offenbar politisch. Ein im Jahr 1998 von Andreas Krase und Ulrich Domröse spät geadelter Fotograf und Künstler respektive dessen Erben; wähnten sich zur Unzeit im Rampenlicht. Es ging um den Nachlass Fritz Kühn, dem Künstlerideal im Reichspropagandaministerium der Nationalsozialisten. Das Vermächtnis sahen seine Erben in Gefahr. Dieser Autodidakt der Fotografie, der als Kunstschmied nicht nur zum Vorbild seiner Zunft gekürt, als so genannter „Reichsmeister" im Dritten Reich mithin zum Inbild - sogar zum Inbegriff des Künstlertums - gefeiert, einen prägend heroisch-nüchternen Stil im Geist und im Licht der Neuen Sachlichkeit betrieb, sollte wohl nicht unkontrolliert in den Fokus trüber Wahrnehmung geraten. Im Sozialismus der DDR wandelte sich der einstige Reichssieger zum Vorzeige-Künstler und Wegbereiter des Antifaschismus im Arbeiter- und Bauernstaat. Was war passiert? Die Erben drohten mit Rechtsanwälten und Unterlassung. Hatte man Sorge um die Deutungshoheit, die nicht Dritten überlassen sein sollte? Man sprach dem Galeristen die Berechtigung zur Ausstellung der von ihm redlich und rechtmäßig, also gutgläubig, erworbenen Werke ab. Die Klage blieb kläglich. Das Recht der Ausstellung der längst publizierten Werke ging nämlich gemäß dem Urheberrecht auf den Erwerber als Galeristen über.

Die Ausstellung "Ah! Oh! Uh! Moderne!“, zuvor unter dem Titel Ah! Moderne! gestartet, zeigt nun abermals jene fünf Positionen der Frühen Moderne: Präsentiert werden Konvolute mit Originalen aus der Frühzeit des Industrie-Zeitalters, das in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts im Alltag seine neue Sicht fand: mit Vintage Abzügen von Heinrich Koch, Fritz Kühn, Emil Leitner, Albert Renger-Patzsch sowie Paul Wolff. Den Werken wohnt das Bewußtsein einer verlorenen Identität inne, die sich fortan maschinenhaft Ausdruck im Seriellen bahnt. Die Aura ist da längst perdu - an die Stelle der Einzigartigkeit tritt prosaisch-stereotyp das Ornament der Masse hervor. In einem bis anhin nicht gekannten nüchtern-sachlich wirkenden Lichtstil mischen sich plötzlich, seltsam subtil, dabei oft menschenlos, Heroik, Kühnheit, Pathos ein. Diese 26 Lichtbildwerke sind allesamt Originale und stammen aus der Frühzeit der Moderne, die so zumeist obendrein Unikate zeigt. Sie behaupten damit Einmaligkeit. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung titelte über die Ausstellung: „Mit 'Ah! Moderne!' läßt sich in der Galerie Kleinschmidt fotografisch Haltung studieren." Kunstkritiker Christoph Schütte schrieb dort: „Da darf man schon mal mit der Zunge schnalzen.“ Sehen können Sie die Fotokunst allerdings erst jetzt. Die Ausstellung "Ah! Oh! Uh! Moderne!“ gibt jene Positionen der Frühen Moderne ergänzt um ein Oh! und ein Uh! Warum nun das? Ruft das ‚Oh!' noch ein Staunen aus, so klingt beim ‚Uh!' Missfallen an. Der neue Titel der Schau bestimmt damit lautmalerisch die besonderen Grundformen menschlichen Ausrufens: mal im Wohllaut, mal im Staunen, mal im Entsetzen als Matrix der Moderne, die deren Tiefe abgründig vertikal auslotet. Ihrem Paradigma geht stets ein Ausrufezeichen voraus! Damit deutet sich ihre Spannbreite an. Was hat die Moderne, dass sie derart Anziehung darbot? Schon der Aufbruch des noch jungen Säkulums, sein jäher Irrweg in den Heros der Stilikonen und den Triumph des Willens liegen im Totalitarismus der Nationalsozialisten dicht zusammen. Das Kunstwerk im Zeitalter seiner unendlichen Reproduzierbarkeit zeugt so von einem Verlust. Die Kunst in der Frühzeit der Moderne hat darauf radikal reagiert: Bauhaus, Neues Sehen und Neue Sachlichkeit sind jene Stile, die im letzten Jahrhundert das Säkulum epochal prägen. Die bei Kleinschmidt Fine Photographs vereinten 26 Werke sind allesamt Originale aus dieser Frühzeit der Moderne - zumeist sogar Unikate. Sie behaupten damit Einmaligkeit.

Paul Wolff [1887-1951] etwa verdanken wir die Entfesselung der Kamera, indem er selbige vom Stativ befreit hat. Die Leica von Oskar Barnack machte kurz zuvor Bilder vom wirklichen Leben möglich. Das barg auch politische Sprengkraft. Zumal Endender goldenen Zwanziger, die gar nicht so gülden waren mit weltweit dräuender Wirtschaftkrise und dem nahen Ende von Weimars Republik. Die Welt war im Aufbruch. Bewegt war sie - und sie gerietnaus den Fugen. Alle Statik war perdu. Die Technik wälzte den Alltagnvieler Menschen radikal um: Automobil, Aeroplan, Bomben, Raketen, Rundfunk, Telefon, Telegramm und Zeppelin - Massen wie Menschen jagen im unerhörten Temporausch, der sich in rasender Dynamik der Epoche Bahn brach und entlud. Mitten dabei der damals junge Dr. Paul Wolff, der erst als Mediziner habilitiert wird - und dann unversehens als Reporter landet.

Oskar Barnack sei Dank, dem genialen Erfinder der ersten Kleinbildkamera, der sogenannten Urleica, konnte dieser Paul Wolff so ab 1926 mit leichtem Gepäck reisen, darin seine in einem Wettbewerb gewonnene Leica, und fortan auch ganz unbeschwert seinen Blick auf die Welt im Umbruch schärfen, ja sogar werfen - ebenso schnell wie spontan. Das Geschenk der Ernst Leitz GmbH an den Pionier war sein Eintritt in die Welt. Der Mess-Sucher dieser Leica war dank Parallaxe präzis und schnell. Ohne lange umständlich seine Schärfe finden zu müssen, konnte unser Reporter sein Objekt der Begierde im Bruchteil einer Sekunde erst ins Auge fassen, dann im Nu ins Bild setzen. Die Kamera war jetzt entfesselt. Dieser Stil blieb prägend für die ganze Moderne. Der Einfluss von Paul Wolff seitdem auf die moderne Kleinbild-Fotografie ist groß. Das Sonderbare galt als das Wunderbare im Werk bei Paul Wolff. Das Wunder sucht das Profane, damit es sich zeigen kann. Die Haltung bewahrt er sich zeitlebens: ein Staunen. Und dies Staunen blieb zeitlebens sein 'Tor' zur Welt da Draußen im Bild. Naiv? Wohl kaum. Aber Paul Wolff konnte auch genau das Gegenteil mit der kleinen Leica und der 50 mm Brennweite tun. Er konnte das Entfesselte, das Leben wie das Licht, zum Bild verdichten, mithin im poetischen Stillleben fassen, das so an Stringenz in der Komposition und an Kontemplation bis heute kaum mehr je erreicht wird: Zwei Eier etwa, das Leben selbst also, und ein Sieb, beide im Schein der Sonne. Die Dinge wirken nicht nur real. Eher surreal, nicht banal, fast teuflich ermächtigt. Sie zeichnen sich vor der Maserung eines Küchentischs ab. Eine Welt der Formen tut sich da auf. Zwei Ovale tanzen um ein Siebrund von DASTRA im Anschnitt. Der Teil steht für das Ganze. Damit hat der Großmeister der Entfesselung das Entfesselte im Augenblick gerinnen lassen. Zwei Eier und ein Sieb, wir schreiben das Jahr 1933, leuchten wie von Innen aus sich heraus. Hyperreal erstarren diese zur Ikone einer Epoche, die auf einem engen Küchentisch Platz fand. Das Weltgefüge wich kurz der Welt im Kleinen: im Eiertanz um ein Rührsieb. Wo viel Licht ist, fallen Schatten tief. Davon erzählt diese Fotografie, die eine Neuerwerbung aus dem Schicksaljahr 1933 ist. Dabei handelt es sich definitiv um ein Schlüsselwerk des Fotografen, das hellsichtig, fast dämonisch luziferisch, den Betrachter in Bann zieht. Einige Originale Paul Wolffs, dem die Stadt Frankfurt stets seine Wahlheimat war, sind nun - ein Säkulum später - wieder in Hessen zurück.

Im Licht glänzt da, was ganz goldig, ein Torgitter bei Fritz Kühn ist: Dieses bildet keineswegs einfach schmucklos Tierembleme im Licht der Schmiedekunst ab, sondern zeigt vor allem das Torgitter als das, was es im Jahr 1937 prachtvoll blattvergoldet umhegt hat: nämlich als „Abschlussgitter mit Tiermotiven der Reichsluftwaffen-Bauverwaltung“. Oder als erhaben-kühne "Toranlage für die Reichspostdirektion“ im Jahr 1938. Später sind solche Staats-Aufträge nicht rar, 1958 ähnlich im Stil, etwa bei der "Bekrönung Turmbau Ehrenhain, Buchenwald". Für die höchste Gedenkstätte zur Erinnerung an die Opfer im Nationalsozialismus ließ die DDR für den Kronenkranz auf dem Turmdach Fritz Kühn eigens über ein Kilo Blattgold schmelzen. Auf stetige Repräsentation des Staates im Nationalsozialismus wie im Sozialismus - und nach der Wiedervereinigung im Zuge der Nachlassaufarbeitung im Berliner Landesmuseum durch die Kultur-Stiftung der Deutschen Bank verstand sich Fritz Kühn. Er war in allem, was er tat, was er Fotograf und Kunstschmied anfing und zuende brachte, nicht nur begabt, sondern vielmehr maßgeblich.

Auch ein Albert Renger-Patzsch war da kaum sehr viel anders. Sein Bildband "Lob des Rheingaus" machte ihn schnell bekannt. Er wurde wie auch Paul Wolff und Fritz Kühn von den Nationalsozialisten früh hofiert. Im Kunst-Dienst, der im Propagandaministerium später die umfassende Gleichschaltung des Kulturbetriebs mit betrieb, adelte man diese Elite. Publizität in einem der legendären Werkstattberichte, die im Ulrich Riemerschmidt Verlag in loser Reihe erschien, galt quasi wie ein Ritterschlag unter den Fotografen. Viele ließen sich von der werbewirksamen Propaganda im Dritten Reich blenden. Einige ließen die Hofierung schlicht geschehen. Das mindert die hohe Qualität ihrer Ikonen freilich nicht. Auch Blendung ist eine Sichtweise. Sie bringt mitunter große Kunst hervor.

Copyright Bild: Paul Wolff | Copyright Text: Klaus Kleinschmidt

Courtesy: Kleinschmidt Fine Photographs and the artist