Das Neue Sehen ins Bild gesetzt: Artikel aus der FAZ vom 8. November 2019

"Atemberaubend: Die Wiesbadener Galerie Kleinschmidt Fine Photographs zeigt künstlerische Fotografie der Bauhauszeit.

Würde man Klaus Kleinschmidt nicht ein wenig kennen, könnte man fast meinen, er zweifelte an seiner eigenen Ausstellung und auch an den Künstlern, von denen August Kreyenkamp oder Werner Mantz längst als Legenden der fotokünstlerischen Avantgarde gelten müssen, andere wie Lou Landauer [1897-1991] oder Jaromir Jovis [1886-1945] aber allenfalls Kennern ein Begriff sind. Und doch spricht nichts als ein großes Staunen, ja rückhaltlose Begeisterung aus den Worten des Wiesbadener Galeristen, wenn er vor einer der schlicht phantastischen Aufnahmen Elsa Thiemanns (1910-1981) steht und kontrastiert: "Es stimmt in keiner Richtung."

Und in der Tat, wie man das Blatt auch wendet, man kann es sich beim besten Willen nicht erklären und kennt sich bald schon nicht mehr aus, nicht mit den Dingen, nicht mit Raum und Fläche, Proportion und Perspektive, und mit der eigenen Wahrnehmung scheint es hier ohnehin nicht sehr weit her. Dabei weiß man von Thiemanns um das Jahr 1930 auf-genommenen "Rätselbildern" - einem Stapel Bauholz etwa, einem angeschnittenen Rotkohl oder einer Handvoll Kekse - doch zumindest, was man sieht. Was man keinesfalls von all den fotokünstlerischen Positionen sagen kann, die Klaus Kleinschmidt dieser Tage in seiner Galerie präsentiert. Mehr noch, von den zehn anläßlich des weltweit ausgiebig gefeierten Geburtstags des Bauhauses vorgestellten Künst-lern haben längst nicht alle auch in Weimar, Dessau oder Berlin studiert.

Dass der Frankfurter Paul Wolff [1887-1951], einer der Pioniere der Leica-Fotografie, dass der Architekturfotograf Werner Mantz [1901-1983] oder Heinrich Koch [1896-1934], der ein Bauhaus-Schüler war, in ihren Aufnahmen nichts-destotrotz das Neue Sehen und das Neue Bauen ins Bild setzten, daran kann es vor diesen fotografischen Schätzen keinen Zweifel geben. Vor allem aber dokumentiert die nun vierte, schlicht grandiose Ausstellung zur Fotografie der Bauhauszeit an diesem Ort [zum Jubiläum] das Interesse der meist keineswegs bei Walter Peterhans' Fotoklasse, sondern bei Josef Albers, Oskar Schlemmer oder Wassily Kandinsky ausgebildeten Künstler am Experiment und ihre Lust, die fotokünstlerischen Möglichkeiten auszutesten und mit und ohne Kamera ein Bild der Welt zu zeichnen, wie es allein die Kunst vermag.

Das gilt für Lou Landauer, die indes nach nur einem Jahr in Dessau mit ihrem Mann nach Palästina emigrierte, geradeso wie für Alfred Ehrhardts [1901-1984] Aufnahmen kristalliner oder mineralischer Strukturen, für Elsa Thiemanns Butter-kekse wie für Eberhard Schrammens im Fotogramm fixierte Scherenschnitte.

Und doch sind es am Ende die vergleichsweise großfor-matigen Vintages August Kreyenkamps (1875-1950), von denen man sich kaum mehr lösen mag. Dabei sind seine 1930 mit der Mittelformatkamera und einer Art Lupenaufsatz entstandenen Aufnahmen - der "Holzsplitter" einer Plantane etwa, die herrlichen "Eisblumen" oder aber der gleicher-maßen zauberhafte wie verstörend präzise Blick auf einen "Mottenflügel" - ganz und gar abstrakt. Auch August Kreyenkamp, in den 1890er Jahren in Düsseldorf zum Maler ausgebildet, war nie am Bauhaus, hatte nicht bei Moholy-Nagy und auch nicht in Peterhans' Fotoklasse studiert. Ein Höhepunkt des Bauhaus-Jubiläums aber sind diese wahrhaft atemberaubenden Bilder allemal." [Angaben in Klammern ergänzt]

Christoph Schütte, FAZ