Eleanor Macnair: Eyes Wide Shut - Photographs rendered in Play-Doh [One Man Show]

The eyes see only what the mind is prepared to comprehend.

[Robertson Davies]

 

Die Augen sehen nur, was der Geist bereit ist, zu verstehen. Somit ist Sehen als Form der Rezeption oder Perzeption vor allem ein hermeneutischer Akt des Verstehens. Allerdings gibt es neben dem Aspekt der Nachahmung immer auch das Problem der Wahrnehmung. Das fängt mit Adam und Eva - genauer mit dem Sündenfall - an: Der bestand darin, das Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis aßen und plötzlich sahen. Das war der erste Augenblick in der Geschichte der Menschheit: Denn Adam und Eva sahen, dass sie nackt waren. So kam das Begehren in die Welt. Beim Sehen blieb es also fortan. Gott jagte [vertrieb] Adam und Eva aus dem Paradies. Zur Strafe gingen sie in die Zeitlichkeit ein - wurden sterblich.

Das war der Preis ihrer Erkenntnis, die ihnen kraft Gesetz [Gottes Verbot] nicht zustand. Augen als Träger [Organ] der Erkenntnis haben seit dem Sündenfall in der Ikonographie eine besondere Bedeutung. In der Kunst des Porträts etwa tragen sie gleichsam pars pro toto die Aussage im Antlitz des Porträtierten. Deren Aussage wird indes durch geschlossene Augen gesteigert. Der Blick richtet sich nach Innen: Mimik findet ihren Ausdruck, der rein auf Vorstellung der Seele beruht.

Der Nichtsehende [Porträtierte] in der sichtbar künstlerischen Darstellung verweist damit auf seine göttliche Herkunft jen-seits der Zeitlichkeit - vor dem Sündenfall im Paradies. Den Topos der geschlossenen Augen im Antlitz des Porträtierten haben Dadaisten wie Surrealisten für sich reklamiert. Doch geht er auf die Marmorbüste der Antike zurück. Das blicklose Antlitz verkörpert das göttliche Ideal der Reinheit. Der Blick ist kausal für die Sünde des Begehrens nach Erkenntnis. Um dieses Paradox geht es in der Ausstellung Eyes Wide Shut der wundersamen Eleanor Macnair auch: vorbereitet zu sein, auf das, was 'Blinde' sehen da draußen in einer technoiden Welt, die das Staunen verlernt haben wird. Übrig blieben so, medial vernetzt, nur dröge Apathien: Nichtfühlen, NIchthören, Nichtsehen. Neigt sich das Programm der Aufklärung dem Ende zu? Das Zeitalter der Empfindsamkeit jedenfalls ist lang vorbei. Wer fühlen, hören, sehen will, greift instinktlos zum Handy.

Und mögen auch viele in der Postmoderne ihr Fühlen, Hören, Sehen an den Apparat abgeben wollen - kaum je ein Dichter der literarischen Moderne lag wohl näher im Sinnen über das Warum jener in den Augäpfeln sooft blinden Büste der Antike als der Österreicher Rainer Maria Rilke [1875-1926]: "...: denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern."

Klaus Kleinschmidt