Maßlose Bilder bilden den Maßstab : das Paradigma im Umbruch

Steffen Siegels Kritik in der SZ vom 24. Juli über die aktuelle Ausstellung (Miss)Understanding Photography‹ im Folkwang Museum nimmt die dort hängende Werkserie Instant Historyvon Jan Wenzel zum Anlaß, um fruchtbares Mißverstehens als Movens für den Diskurs zu befragen. Demnach schreiben genau jene Werke in der Photographie Geschichte, die sie außer Kraft setzen. Die These wird zumal durch das Axiom von Carl Schmitt bestätigt, wonach souverän ist, wer über den Ausnahmezustand verfügt. Thomas Samuel Kuhn hält 1967 in seiner Schrift ›Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen den Begriff Paradigma parat. Wir stellen hier aus gegebenem Anlaß einen Textauszug zur Diskussion, den Sybille Krämer in ihrem Theorem des maßlosen Bildes als Revolte vorstellt:
"Bilder begegnen uns lebensweltlich stets ›abgezirkelt und eingegrenzt‹, überdies folgt ihre Produktion nahezu lückenlos technischen, regulativen Prinzipien. Betrachtet als raum-zeitlich situiertes Gebilde, erscheint das maßlose Bild ein Unding zu sein. Allerdings ist eine andere Perspektive möglich: Bilder sind auf das Angeblicktwerden durch Betrachter angewiesen. Sartre hat den Blick und die Blickrelation als eine soziale Interaktion im Wechselspiel von Tun und Widerfahrnis ausgewiesen und betont, dass da, wo wir jemanden anblicken, wir ihn nicht zugleich sehen können. Didi Huberman nun zeigt, dass Bilder, auf die der Blick fällt, zurückblicken können und dabei kein visuelles, vielmehr ein ›taktiles‹, das heißt spürbares Verhältnis zwischen Bild und Betrachter entsteht. Bilder sind also mehr und anderes als reine Sichtbarkeit. Und genau in dieser pathischen Dimension ihrer Nicht-Sichtbarkeit, die entsteht, wenn Betrachter sich auf das Angeblicktwerden durch das Bild einlassen, werden Bilder für Didi Huberman zu etwas ›Maßlosem‹, das eine Erfahrung jenseits der Extension des Raumes eröffnet."
Sybille Krämer
Quelle: Ingeborg Reichle + Steffen Siegel (Hrsg.) Maßlose Bilder: Visuelle Ästhetik der Transgression. Fink Verlag, München 2009

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